Sonntag, 2. März 2008

Moskaubilder - Freunde, Bekannte & mehr

Wyhino Haltestelle

Frieda - die Waschfrau

Pausenfleiss

Magdalena

Natalka und Tiina

Wodka - Klappe die Erste

Cafe Apschu - schon (zu) spät

erste Wohnheimparty

Carolin und Toni - Café Keks

Frieda und Angelika mit gerade gefangenem Brautstrauss

Bald-Mutter-Diana und Daniela im Café Apschu

Moskauer Metro – Eindrücke

Morgens 8 Uhr auf dem Weg zur U-Bahn. Schon von weitem sehe ich die Menschenströme auf ein kleines dunkles Loch zustürmen, zielstrebig, routiniert, teilnahmslos. Der Tunnel zur Metrostation. Rechts hinein, links hinaus. Wer ausschert, wird angerempelt oder gleich mitgerissen, nicht einmal bewusst. Es wird einfach so lange geschoben, bis das Hindernis verschwunden ist - für die meisten Routine. Als Neuling versuche ich, mich vorsichtig mit und durch die Menge zu bewegen. Endlich sind Treppen in Sicht. Das Geräusch der Metro wird lauter, die Masse schneller. Ich halte das Tempo, es gibt keine Alternative. Ich werde einfach geschoben. Am Kassenschalter beginnen erste Kollisionen. Die Schlange davor versperrt den Weg und die Masse drängt sich links daran vorbei und damit enger zusammen. Es gibt kaum noch Freiraum…bis zur Kante des Bahnsteiges. Doch bevor man diese erreicht, müssen noch die Sicherheitsschranken durchquert werden. Karte rein, Warten auf Grün, Schranke auf, durch. Stau. Hinter der Schranke ist kein Platz mehr. Die U-Bahn fährt ein. Die Menschen werden unruhig und beginnen zu schieben. Doch erst wenn die Bahn steht, kann die Richtung bestimmt werden. Diejenigen, die vor den Türen stehen, haben Glück. Sie müssen nicht rennen, um noch einen Sitzplatz zu bekommen. Die Bahn ist leer an der Endhaltestelle Wyhino. Ein Sitzplatz bedeutet Freiheit für Arme, Beine, ein Buch und den Blick. Das kann sehr wichtig sein auf der etwa dreißigminütigen Fahrt ins Stadtzentrum.

Ich stehe nun endlich hinter der Schranke und warte in der Masse auf die nächste Bahn. Ich bin froh, dass alle zwei Minuten eine Bahn einfährt. Ein anderer Rhythmus wäre kaum möglich. Die Bahn fährt ein, die Menge wird dichter, man drängt von hinten, von der Seite. Ich sehe, wie die Leute durch die Türen geschoben werden, wie das Verhalten plötzlich grober wird, die Leute für einen Moment egoistisch werden, weil sie sonst keine Chance haben. In diesem Moment gibt es kein Gemeinschaftsgefühl mehr, hier geht es nur um das Gewinnen und Verlieren. Ich stehe sehr nah an der Kante und möchte gar nicht weiter, in die erste Reihe, auch wenn das die Chancen auf einen Sitzplatz erhöht. Ich habe sogar ein wenig Angst, vor der Dynamik, der Enge, dem Verlust der Freiheit und des Handlungsvermögens. Ich fühle mich ausgeliefert. Die Türen öffnen sich, ich habe es geschafft und stehe sicher in der Mitte der Bahn. Haltegriffe sind jetzt überflüssig, die Menge lässt keine Bewegung zu. Sogar schlafen könnte man im Stehen. Die Gesichter der Menschen sind ausdruckslos, müde. Jeden Morgen das gleiche Ritual. Für die, die aus dem Umland mit der Elektritschka (Regionalzug) angekommen sind, kann die morgendliche Fahrt zur Arbeit bis zu zwei Stunden dauern. Doch sie haben Glück im Unglück, denn an der Endhaltestelle der Metro sind die Chancen auf einen einfachen Platz recht gut. An den folgenden sieben Stationen bis zum Zentrum ist die Lage sehr viel aussichtsloser. Ich weiß nicht, ob es ein zugelassenes Maximum an Passagieren gibt, aber wenn ja, würde sich niemand daran halten. Nicht einmal das Bahnpersonal. Ich verliere mich in der Menge und merke, wie mir der wenige Raum an jeder Station weiter genommen wird. Ich versuche mir nicht vorzustellen, wie Kinder und Rentner eine solche Fahrt durchleben. Ich sehe aber auch keine. Der Moskauer weiß wahrscheinlich, was möglich und unmöglich ist. Ich bin noch im Prozess des Beobachtens und Lernens. Gehalten, gewärmt und ein wenig gepresst denke ich an Berlin und mein Fahrrad, dann schließe die Augen und warte, bis mich die Masse irgendwann wieder aus der Bahn schiebt.

Vom Antrag zur Stahltür - Bürokratische Aufnahmehürden

Deutschland ist das Land der Ordnung, so heißt es. Es gibt Tausende von Regeln, die Leute gehen nur bei Grün über die Straße und überall auf der Straße ist alles schön ordentlich. Dass dies in Kreuzberg so gar nicht der Fall ist, lassen wir hier einmal außen vor.

Dafür ist der Campus der Moskauer Humanistischen Universität sehr sauber, wobei hinzugefügt werden muss, dass der Schnee einen großen Teil der Straßenreinigung übernimmt. Er kehrt einfach alles unter seinen Teppich. Und die Flecken Erde, die er nicht mehr erreicht, werden regelmäßig von emsigen Straßenkehrern und Reinigungskräften umsorgt. Und so sind die leicht verfallenen Gebäude der MosGU, die auf der Homepage der Universität sehr viele Fotofilter durchlaufen haben müssen, von innen doch sehr reinlich. Denn auf Sauberkeit wird geachtet, bei Wegen und Räumen genauso wie bei wichtigen Schriftstücken.

Von denen mussten wir, die neuen Studenten des russisch-deutschen Masterstudienganges „Interkulturelle Sozialarbeit“ sehr viele ausfüllen. Strengen Blickes wurde man dabei darauf hingewiesen, dass schwarze oder sogar rote Kugelschreiber nicht erlaubt sind und dass der Adressat immer rechts oben in der Ecke stehen muss. Doch fangen wir von vorn an.

Um legitimiert in der MosGU studieren zu können, benötigt man nicht nur ein gutes Durchhaltevermögen und viel Zeit, sondern außerdem 10 Passbilder, zwei Anträge mit Unterschriften verschiedener Personen, zwei ausgefüllte Verträge, einen Passierschein, zahlreiche persönliche Unterschriften und nicht zuletzt eine ausreichende Orientierung auf dem Camus sowie ein hervorragendes Gedächtnis für Büroraumnummern.

Diese „Aufnahmezeremonie“ ist also aufwendig aber auch lehrreich. Vor allem, wenn man seinen ersten Fehler macht oder das genannte Sauberkeitsprinzip durchbricht. Selbst für einen einfachen Antrag, den man stellen muss, um das Wohnheim monatlich bezahlen zu dürfen, steht die Form über dem Inhalt. Dass dieser Antrag nach der Ausstellung des „Prikas“ = Anweisung, nur in irgendeinem blöden Ordner landet oder wie in meinem Falle plötzlich gänzlich verschwindet, scheint danach niemanden zu interessieren. Also musste ich mit meiner Zweitschrift, bei der ich in Schönschrift all das abkritzelte, was mir vorgeschrieben wurde, noch einmal quer über den Campus von Haus 1 zu Haus 3, wo die Dekanin unterschrieb, dann wieder zurück in Haus 1 in das Büro zur „Sammlung aller Dokumente für den Rektor“, um nach den drei Tagen Rektorenunterschriftszeit festzustellen, dass niemand mehr weiß, wo mein Antrag gelandet ist. Glücklicherweise wusste man aufgrund derselben Prozedere anderer Studenten, dass im Grunde niemand etwas gegen die monatliche Mietzahlung einzuwenden hat. Wieso denn auch? Also konnte ich endlich meinen Wohnheimvertrag unterschreiben, den kleinen Zettel mit der Geldanweisung in Empfang nehmen, damit zur Buchhalterin gehen, die mir eine Rechnung ausstellte und mit dieser irgendwann nach zahlreichen angekündigten Mittags- und unangekündigten Kaffeepausen meine Monatsmiete an der Kasse bezahlen.

Mal gut, dass ich vorher schon in das Wohnheim durfte und nicht vor der eisernen Sicherheitstür stehengelassen wurde. Ich erhielt sogar gleich meinen „Propusk“ = Passierschein, den man eigentlich gegen eine Eigenkreation austauschen könnte, weil sowieso niemand genau hinschaut. Hauptsache, man holt irgendetwas aus der Tasche und hält es an der richtigen Stellen, nämlich der zweiten inneren Sicherheitsschranke dem Pförtner entgegen. Diese Geste ist jedoch sehr, sehr wichtig. Wenn man nur zwei Minuten das Gebäude verlassen hat, erhält man strafende Blicke, sollte man Heineingehen dieses Ritual nicht befolgen.

Aber das stimmt nicht ganz, denn nach gut einem Monat freundlicher Annäherung drückt das Wachpersonal schon einmal ein Auge zu und ohne Ritual auch den Knopf für die Sicherheitstür…